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Neue Web-App von Patienten-Initiative und KISS Hamburg erleichtert Menschen mit Behinderung die Arztsuche

Wie barrierefrei eine Arztpraxis ist und ob sie für einen Menschen mit Behinderung geeignet wäre, konnten Patienten bisher vor ihrem Arzttermin nicht verlässlich wissen, da es keine einheitlichen Informationen dazu gibt. Gestern startete mit „Plan B“ eine Web-App, in der Interessierte fast 100 Hamburger Arzt- und Zahnarztpraxen nach zahlreichen objektiven Kriterien zur Barrierefreiheit filtern können. So erkennen Menschen mit motorischen Einschränkungen oder mit Rollstuhl, kleinwüchsige, blinde oder sehbeeinträchtigte Menschen, Gehörlose oder Hörbeeinträchtigte sowie Menschen mit Lernschwierigkeiten anhand weniger Klicks, welche Praxis für sie geeignet ist. Die Patienten-Initiative und die Kontakt- und Informationsstellen für Selbsthilfegruppen (KISS Hamburg) des Paritätischen Hamburg haben dafür in den vergangenen zwei Jahren, finanziert von der AOK Rheinland/Hamburg, Arztpraxen auf ihre Barrierefreiheit untersucht.

Ist ein Behindertenparkplatz vorhanden? Darf ein Blindenführhund mit in die Praxis? Gibt es einen sprechenden Fahrstuhl? Können Termine auch ohne Telefon vereinbart werden? Diese und viele weitere Fragen beantwortet die Web-App „Plan B“, in der momentan 94 Hamburger Arzt- und Zahnarztpraxen erfasst sind. Unter dem Link https://planb.hamburg ist sie auf allen Geräten kostenlos nutzbar. Sie verwendet eigens entwickelte Piktogramme und starke Kontraste, damit die Suche für alle einfach ist. Geplant ist, dass in den nächsten Wochen weitere Praxen hinzukommen.

In Hamburg gibt es ca. 4500 Arzt- und Zahnarztpraxen, fast 500 davon sind in den vergangenen zwei Jahren kontaktiert worden. Auch die Gesundheitsbehörde unterstützte das Projekt.

Dazu Cornelia Prüfer-Storcks, Senatorin für Gesundheit und Verbraucherschutz: „Im Alltag finden sich auf dem Weg zum Arzt, ins Krankenhaus oder zum Physiotherapeuten oft zahlreiche Barrieren, die gerade für Menschen mit Beeinträchtigungen eine Herausforderung sind. Die Einführung und Umsetzung einer flächendeckenden Barrierefreiheit in Arztpraxen stellt eine große Aufgabe dar, die nicht beim Zugang zur Praxis endet, sondern ebenfalls einen barrierefreien Kommunikations- und Informationsfluss umfasst. Mit der App ‚Plan B‘ wird ein weiterer Schritt hin zu einem inklusiven Gesundheitssystem gemacht. Ich hoffe auf eine rege Beteiligung seitens der Hamburger Ärztinnen und Ärzte.“

Dazu Kristin Alheit, geschäftsführende Vorständin des Paritätischen Hamburg: „Erstmalig gibt es nun eine genaue Übersicht mit eindeutigen Kriterien, die es Menschen mit Beeinträchtigungen ermöglicht, leichter eine passende Arztpraxis zu finden. Doch das allein reicht nicht aus. Auch wenn laut Grundgesetz niemand aufgrund seiner Behinderung benachteiligt werden darf, so geschieht das in vielen Bereichen und auch bei der Arztwahl sehr häufig. Ärztinnen und Ärzte brauchen Anreize, um physische Barrieren in Praxisräumen abzubauen und sich der Versorgung von Menschen mit Behinderung zu öffnen. Hier sind Politik und medizinische Selbstverwaltung gefragt. Die bisherigen gesetzlichen Regelungen reichen offenbar nicht aus.“

Dazu Karen Müller, Patienten-Initiative e.V.: „Teilweise sind wir auf große Zustimmung für unser Anliegen gestoßen. Doch viele Praxen haben unseren Besuch abgelehnt und wollen sich nicht mit dem Thema Barrierefreiheit beschäftigen. Die Behandlung vor allem von schwerbehinderten Menschen ist oft zeitintensiver, wird aber nur standardmäßig vergütet. Auch gibt es keine finanziellen Anreize für den barrierefreien Umbau von Praxisräumen. Die Angaben zur Barrierefreiheit müssen verpflichtend werden.“

Dazu Matthias Mohrmann, Vorstand der AOK Rheinland/Hamburg, die das Projekt noch bis Herbst 2018 unterstützt: „Für Patientinnen und Patienten ist es wichtig zu wissen, ob eine Praxis barrierefrei ist. Die App ist ein wichtiger Schritt hin zu mehr Teilhabe für möglichst alle Menschen. Wir hoffen, dass wir damit die Öffentlichkeit und die Ärzteschaft für das Thema Barrierefreiheit sensibilisieren und sich viele weitere Praxen beteiligen.“

Hintergrund: Jeder achte Mensch in Deutschland hat eine Behinderung, fast jeder zehnte ist schwerbehindert (Statistisches Bundesamt). Demnach gelten rund 170.000 Hamburgerinnen und Hamburger als schwerbehindert. Eine einheitliche Übersicht, in welcher Praxis sich ein mobilitätseingeschränkter Mensch gut bewegen kann oder bei welchem Arzt Hör- oder Sehbehinderte gut zurechtkommen, gab es bisher nicht. Die AOK Rheinland/Hamburg finanziert das Projekt, dessen Schirmherrin Theater-Intendantin und Ärztin Isabella Vértes-Schütter ist.




Veröffentlicht am 18. April 2018 von Redaktion
Kategorien: Allgemein, Veranstaltung


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