Pressemitteilung zur Veranstaltung “Ungehindert zum Arzt”


Hamburg, 28.11.2016

Untersuchung von Arztpraxen auf Barrierefreiheit – Projekt stellt erste Ergebnisse vor

„Ziel muss sein, dass auch Menschen mit Behinderung ihre Arztpraxis frei wählen können.“

Patienten-Initiative e.V. und Kontakt- und Informationsstellen für Selbsthilfegruppen (KISS Hamburg) untersuchen seit einem Jahr die unterschiedlichen Aspekte von Barrierefreiheit in ausgewählten Hamburger Arztpraxen. Erste Ergebnisse des Projekts zeigen, dass einige Praxen gut aufgestellt sind, offenbaren aber auch viele Defizite und Handlungsbedarfe. Das von der AOK Rheinland/Hamburg finanzierte Projekt wurde daher um zwei Jahre verlängert.

In den letzten Monaten besuchten Projekt-Mitarbeiterinnen 39 freiwillig mitwirkende Arztpraxen in Hamburg und erhoben mit einer umfänglichen Checkliste wichtige Kriterien zur Barrierefreiheit. Gut 250 Fragen enthält diese Liste, eine Praxis-Begehung dauert etwa 90 Minuten. Das erscheint aufwändig, doch das Hauptproblem liegt woanders. Obwohl die Behindertenrechtskommission der Vereinten Nationen seit 2009 Barrierefreiheit vorschreibt, bleibt es den Ärzten überlassen, ob sie ihre Praxis barrierefrei einrichten. Das kann ins Geld gehen, Zuschüsse von der Kassenärztlichen Vereinigung gebe es nicht, bemängeln Mediziner.

„Ärzte, die offen für Patienten mit Behinderung sind, werden von Politik und Krankenkassen allein gelassen. Nötige Umbauten werden nicht refinanziert und eine Behandlung behinderter Menschen ist oftmals aufwändiger und zeitintensiver, wird aber genauso vergütet wie bei Standardpatienten. Hier gibt es dringenden Handlungsbedarf“, stellt Projektleiterin Kerstin Hagemann von der Patienten-Initiative fest. Sie will eine Diskussion anstoßen, wie die Bedingungen der medizinischen Versorgung verbessert werden können, und appelliert an die Politik, Anreize für Barrierefreiheit zu schaffen. „Damit Menschen mit Behinderung ihre Arztpraxis frei wählen können – wie es ihr verbrieftes Recht ist.“

Von den untersuchten Praxen haben immerhin 31 einen Behindertenparkplatz und sind gut auf mobilitätseingeschränkte Menschen eingestellt. „Keine jedoch arbeitet mit praktischen und kostengünstigen Hörhilfen, und auch die Mitnahme eines Blindenhundes ist oftmals problematisch“, so Hagemann über einige konkrete Aspekte von Barrierefreiheit.

In den nächsten zwei Jahren sollen möglichst zahlreiche weitere Hamburger Arztpraxen erfasst werden. „Wir wollen am Ende eine Übersicht von barrierefreien Arztpraxen im Internet veröffentlichen, damit dieser sensible Bereich endlich für Betroffene transparent wird“, sagt Christa Herrmann, Leiterin von KISS Hamburg.

Hintergrund: Jeder achte Mensch in Deutschland hat eine Behinderung, fast jeder zehnte ist sogar schwerbehindert, wie das Statistische Bundesamt kürzlich mitteilte. Demnach gelten gut 170.000 Hamburgerinnen und Hamburger als schwerbehindert. Auch sie haben ein Recht auf eine angemessene medizinische Versorgung zum Beispiel beim Zahnarzt, der Gynäkologin oder dem Augenarzt. Dennoch gibt es in Hamburg nur wenige Arztpraxen, die barrierefrei sind. Eine einheitliche Übersicht, in welcher Praxis sich ein mobilitätseingeschränkter Mensch gut bewegen kann oder bei welchem Arzt Hör- oder Sehbehinderte gut zurechtkommen, gibt es ebenfalls nicht. Denn die Kennzeichnung von Arztpraxen in Sachen Barrierefreiheit ist oft unvollständig und missverständlich. Das will das Projekt Barrierefreie Arztpraxen der Patienten-Initiative und der Kontakt- und Informationsstellen für Selbsthilfegruppen (KISS Hamburg) ändern. Die AOK Rheinland/Hamburg hat gerade die Finanzierung des Projekts, dessen Schirmherrin Theater-Intendantin und Ärztin Isabella Vértes-Schütter ist, für zwei weitere Jahre bis Oktober 2018 verlängert.

Die Patienten-Initiative e.V. setzt sich als Interessenvertretung für Patientinnen und Patienten und mit ihren Projekten für die Qualitätsverbesserung im Gesundheitswesen ein.

KISS Hamburg informiert, berät und vermittelt seit über 30 Jahren interessierte Menschen an die rund 1.300 Selbsthilfegruppen in der Hansestadt und unterstützt die Gründung neuer Gruppen. Träger ist der PARITÄTISCHE Wohlfahrtsverband Hamburg.

Pressemitteilung als PDF hier.




Veröffentlicht am 28. November 2016 von Redaktion
Kategorien: Allgemein


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